Wenn Sehende die Augen schließen...

Wenn Sehende die Augen schließen, dann stets aus Angst, dass Wirklichkeit erlischt. Aus Unglauben, dass dieses derbe Leben so voll und ganz ein Teil von ihnen ist. Sie sehen, doch sie wollen nicht. Und tief in düstrer Ecke jedes Herzens wohnt jämmerlich die Dunkelheit, denn keine Menschlichkeit erspäht ihr Licht. Wie auch? Sie ist schrecklich, eklig, gierig, …, höhnisch, teuflisch, neidisch oder schlicht böswillig gestrickt.

Da schließ ich lieber meine Augen und laufe zügig weg, in blinder Hoffnung, dass ein unbändiger Wunderglaube mir den Teufel aus der Seele bricht. Geboren sind Entzweiung, Zerwürfnis und somit die Spaltung. Erfunden ist der Dualismus und alles, was dem Sein entspricht, ist nun arglos aufgeteilt, zwischen ich bin gut und er ist’s einfach nicht.“

 

Die Klarheit ist nur schwer verdaulich.

 

Die nächsten Zeilen werden mathematischer, dann wird für die meisten, am liebsten logisch denkenden, Menschen meine Botschaft klarer. Auf der Erde gibt/gab es:

 

          59.124.734 Tote im vergangenen Jahr.

     833.007.661 Unterernährte Menschen.

  1.669.756.080 Übergewichtige Menschen.

         3.102.214 Kinder die jährlich verhungern.

         8.113.733 jährliche Todesfälle durch Krebs.

         1.059.400 Selbstmorde im vergangenen Jahr.

            437.028 Morde im vergangenen Jahr.

ca. 20.000.000 Kriegstote nach 1945. (90% Zivilisten.)

ca. 22.950.000 Vergewaltigungen im vergangenen Jahr.

     ca. 300.000 jährliche Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern allein in Deutschland.

 

Tief einatmen. Ich weiß, das ist nicht einfach zu verdauen, aber das ist sogar nur ein Bruchteil der sehr dunklen Realität, in der wir alle leben. Die Erde wird nicht heller, wenn Sie die Augen schließen. Die Realität bleibt unantastbar.

 

Der Mensch versucht es mit der Strauß-Taktik

 

Bereits viertausend Jahre vor der Zeitenwende sagte man dem Straußenvogel nach, er würde bei Gefahr den Kopf in den Sand stecken, um dieser zu entgehen. Dieses Gerücht ist natürlich genau so unsinnig, wie die dadurch beschriebene Gefahrenvermeidung. Was den Menschen jedoch nicht davon abhält, es immer und immer wieder mit der Strauß-Taktik zu versuchen:

 

Krebs betrifft mich ja nicht.

Krieg ist weit weg.

Vergewaltigung gibt es beim Nachbarn vielleicht, aber sicher nicht bei mir.

Und über Kindesmissbrauch möchte ich gar nicht erst reden.

Ach, das ist doch alles so furchtbar schlimm. Lieber nicht darüber nachdenken.

 

Da steckt er wieder, der Kopf im Sand. Denn im Sand existiert einzig das, was ich sehen will. Liebe, Freunde, Freude, Familie, Geschenke, Essen, Trinken, Feiern, Glück und nochmal Glück. Der Rest wird weit weggeschoben, in eine fremde Welt des Teufels und des Bösen.

 

Absurd, wie blind wir alle nur geworden sind. Denn die Klarheit ist einfach, das furchtbar Böse, teuflisch Schlimme, ist nicht irgendwo da draußen – Alles Dunkle sind immer nur wir, wir Menschen, Menschen wie du und ich. Die Dunkelheit bin ich.

 

Das Erdenspiel heißt „Dualismus“

 

Hier auf der Erde herrscht Dualismus. Dualismus bedeutet die illusorische Aufspaltung des Ganzen in zwei gegensätzliche Hälften. Anschließend kämpft man sich durch die Enge des Lebens, indem man krampfhaft versucht, nur einer Hälfte anzugehören. Das ist auf der Erde noch nie jemandem gelungen. Denn alle Menschen, die hier spielen, sind beides: Hell und dunkel in einem. „Nur gut“ gibt es auf der Erde nicht.

Die Klarheit ist einfach, doch die Akzeptanz, dass Sie in jeder einzelnen Erfahrung gleichzeitig Täter und Opfer sind, ist herausfordernd.

Dunkelheit ist keine leichte Wahrnehmung. Sie hat nichts mit schwarzen Klamotten, dem Teufel oder Eyeliner zu tun. Sie geht tiefer und ist viel härter. Sie hat mit Krieg, Vergewaltigung, Depressionen, Missbrauch, Delirium und somit jeder Menge Ekel gegen sich selbst zu tun. Die Realisierung, was Dunkelheit bedeutet, ist zäh, träge und oft schmerzhaft.

 

Vom Delirium zur Oberflächlichkeit und wieder zurück…

 

Die große Ausbreitung der Dunkelheit auf der Erde war in diesem harten, großen Maße nicht notwendig. Möglichkeiten, das eigene Sein zu realisieren, gibt es auch in einem abgeschwächten Dualismus reichlich. Doch wer nicht hinschaut, erzeugt immer mehr Dunkelheit.

 

Von Nichts zu Nichts

Wir alle kommen irgendwoher, durch das Wunder der Geburt und gehen irgendwohin nach dem bedrohlichen Tod. Egal, was Sie darüber glauben oder nicht glauben, das Geniale ist doch, dass es Sie in jedem Augenblick dazwischen, gibt. Sie lesen diese Zeilen und gleichzeitig können Sie wahrnehmen, dass Sie existieren. Das hat nichts mit normal zu tun. Das ist unglaublich. Das sprengt den Glauben, das ist wahr, real oder einfach nur da. Doch keiner will diese Einfachheit erkennen und das Normale verschließt erneut die Augen.

 

Die Erschaffung von Wissen

 

Täglich wird auf der Erde etwas Neues entdeckt und alle sind begeistert: „Ah, so funktioniert das also.“ Und sobald es entdeckt wurde, verliert es seinen Reiz: „Wir wissen ja jetzt, wie es funktioniert.“ Dabei beginnt doch erst hier das Faszinierende, das Sein.

Dass Lichtstrahlen aus einzelnen Quanten bestehen, dass Gravitation, Licht und Zeit relativ verrückt verknüpft sind, dass im Mikrokosmos die Wahrscheinlichkeit regiert, dass Gedanken Einfluss auf das Leben und den eigenen Körper haben, das ist und bleibt faszinierend.

Wer hat diese Welt so konzipiert? Wieso ist sie so? Was ist Zeit überhaupt? Was mache ich hier? Die Faszination verschwindet nicht, nur weil etwas erklärt ist. Allein dieses ständige Erschaffen von Wissen ist schlicht beeindruckend und zeigt das Sein.

Das interessiert aber keinen, lieber schnell ins Delirium einer neuen Suche nach noch mehr Wissen.

 

Bücher des Seins

 

Sehr viele geniale Bücher existieren auf der Erde und alle zeigen immer nur eins – das Leben der Erde, alle Seiten, alle Facetten.

Als ich jung war, war eines der Bücher, die mich am meisten gezwungen hat, die Dunkelheit der Menschen zu verinnerlichen, Der Drachenläufer. Ein geniales Buch über die Abgründe der Menschlichkeit und die Kraft, sich selbst zu verzeihen. Dieses Buch hat mich jahrelang gequält, denn ich wusste nicht, wie Hassan bloß diese Meisterleistung gelang, wo doch so viele Menschen an so einer Herausforderung zerbrechen.

Jahre später fand ich die Antwort: Sein.

Aber die meisten Menschen bevorzugen nicht die bewussten Fragen, sondern die Oberflächlichkeit und Drama. Und so liest man häufig: Ein tolles Buch über Freundschaft. Oder: Oh, wie traurig. Oder: Eine Liebeserklärung an Afghanistan. So ein Scheiß! Es ist eine Liebeserklärung an das Leben auf der Erde, mit all seinen Seiten, den hellen und den dunklen. Nicht einmal der Autor selbst weiß, wie genial sein Buch ist, aber wir sollten es wissen. Und nicht in aller Oberflächlichkeit vom wunderbaren Drachenfliegen in Afghanistan erzählen.

 

Die Sprache der Bäume

 

Die esoterische Szene versucht seit Jahren, mehr Bewusstsein in die kapitalistische Welt zu klopfen. Bewusstsein ist mehr, achtet auf die Tierhaltung, Pflanzen sind auch Lebewesen, die miteinander reden. Jahrzehnte später ist die Wissenschaft auch so weit und hat festgestellt, dass Bäume tatsächlich miteinander kommunizieren, über Kilometer hinweg sogar. Und die Spirituellen unserer Erde verschränken in Genugtuung die Arme und blicken auf den Rest der Welt herab. Zu Recht? Natürlich, sie lagen ja richtig.

Aber geht es auf der Erde tatsächlich um das Richtig-liegen? Werde ich zum Sehenden, nur weil andere blind sind?

Nein, denn die eigene Blindheit zu erkennen, ist immer am schwierigsten. Sich nur mit sich selbst zu beschäftigen, die eigene Dunkelheit, Selbstgerechtigkeit, Scheinheiligkeit zuzulassen, ist sehr unbequem. Also verstecken wir uns lieber in einer Gruppe, geben uns einen besonderen Namen und verschwinden wieder im Delirium… Hauptsache, ich hatte Recht und die verdammten Bäume reden.

 

Schau dir in die Augen – Meister

Der Meister, das Sein, die Antwort auf alle Fragen wohnen in einem selbst.

So einfach ist Klarheit. Dennoch sucht jeder lieber im Außen. In Gruppen, im Guten, in Wissen, in Beschäftigung und ungern in der Dunkelheit.

Doch das Rad der Erde dreht sich unweigerlich weiter, in weiser Wiederholung von Tag und Nacht, Tag und Nacht, Tag und Nacht. Öffne die Augen und schau ihr zu, denn das ist alles, was du jemals auf der Erde sein wirst, hell und dunkel, Täter und Opfer, Gut und Böse – nie getrennt, immer eins.