Normal – was soll das heißen?

Ich schreibe gerade an meinem ersten Roman und bin damit für Jahre beschäftigt, denn es soll ein russischer Schmöker werden, der viel erzählt und wenig sagt. Dostojewski war einer dieser großen Erzähler und auch wenn es vor lauter Worten schwer wahrnehmbar ist – er hatte viel zu sagen.

Und auch ich, genau wie er, schreibe viel aus meinem eigenen Leben, aus meinen Beobachtungen, denn ich liebe die Menschen. Ihnen zuzuschauen, ihre Überzeugungen, ihr Drama, ihre Begeisterung zu sehen ist jeden Tag aufs Neue bewegend.

Der folgende kleine Buchabschnitt ist natürlich etwas ausgeschmückt rübergebracht, aber er beruht auf wahren Tatsachen. Ilja, der Hauptcharakter und Erzähler in meinem Buch, mag die Menschen nicht mehr. Er hat im hohen Alter seine Geduld mit ihnen verloren. Er arbeitet als Hellseher in Sankt Petersburg, ist sehr reich, aber sein Wille auf der Erde zu leben ist aufgebraucht. Den Freitod wird er nicht wählen, dafür ist er zu bewusst und zu stolz, in der Überzeugung etwas Besseres zu sein. Also verbringt er die meiste Zeit damit auf Menschen zu schimpfen.

 

Ilja erzählt...

 

Ich sitze gerade, wie viele Male zuvor und viele danach, mit einer Tasse frisch gemahlenem, immer etwas lauterem, italienischen Kaffee und beobachte die aufgedrehte Abwesenheit der vorbeihuschenden Menschen. Zu meiner Rechten sitzen zwei ältere Herrschaften und diskutieren lebhaft über die Entstehung von Gedanken und ihrer Weiterleitung im Gehirn. Ihr Fachjargon verrät ihre ausgezeichnete Ausbildung und dass beide weiterhin in diesem Feld tätig sind, denn die exorbitante Redundanz an Termini ist für jeden Normalsterblichen unerträglich. „Ilja, nicht werten!“, hör ich meine Gedanken, einfühlsam, fast flüsternd, meinen toten Onkel zitieren und entschließe mich weiter zuzuhören.

Ihre Ignoranz ist bemerkenswert, denn obwohl sie von dem Thema alles Wichtige und Unwichtige wissen, haben beide keine Ahnung. „Gedanken sind einfach nur elektrische Impulse im Gehirn, die durch Kalium- und Natriumkanäle verursacht werden“, erklärt der Eine, während der Andere entgegnet, dass dabei die Dendriten so unglaublich faszinierend verzweigt sind, dass Milliarden von Nervenzellen unheimlich schnell miteinander kommunizieren können. „Jede Zelle mit jeder“, betont er enthusiastisch, während sein Gegenüber abwinkt und alles als normale Entwicklung der Evolution abkanzelt. Dem Darwin darf schließlich kein seriöser Wissenschaftler widersprechen. Also verfliegt die Faszination und die Normalität erstickt das Feuer des letzten funkelnde Augenpaars. Blind die Menschen, blind sind sie.

Normal! Was soll das überhaupt heißen? Was ist daran normal, dass zwei alte Professoren mit mir in einem Café weilen, scheinbar bewegungslos, auf Masse tragenden Stühlen sitzen, sich dabei mit einer Geschwindigkeit von 1.674 km/h um eine Achse drehen, sich zusätzlich mit 107.229 km/h um die Sonne mit 961.200 km/h um ein schwarzes Loch drehen, sich mit einer gewissen Milchstraße mit 136.800 km/h und einem Galaxienhaufen mit 2.268.000 km/h in einem gewissen Superhaufen bewegen und schließlich rasen sie gemeinsam mit allem, was wir kennen, mit 1.987.000 km/h in ein großes, weites Nichts. Wirklich? Das soll normal sein? Dass sie davon nichts mitbekommen, ist das normal?

Allein, dass sie miteinander kommunizieren können, dass ihnen der Kaffee schmeckt oder auch nicht, dass sie existieren – verrückte zweibeinige Wesen auf einem blauen Planeten im großen, weiten Nichts. Sie kommen irgendwoher, irgendwo gehen sie hin und im Augenblick gibt es sie hier. Ich kann sie sehen, sie sitzen vor mir. Und das soll normal sein? Wer hat nur dieses Scheißwort erfunden? Normal. Normal – eher „Die größte Blindheit der Menschen“. So schreit es doch alle gemeinsam: „Ist doch normal!“ um bloß nicht sehen zu müssen.

Wacht auf, wacht auf, ihr einfältigen Menschen! Nichts auf dieser Erde ist normal, alles ist unfassbar, alles ist herausfordernd, ja sogar ständig überfordernd, aber sicher nicht normal.

Wenn man jedoch wie ein Hund herumrennt, nur nach Leckerli Ausschau hält und an jeden Baum pinkelt, ja dann...

„Hey Ilja!“, unterbricht eine geknickte Rita meine schimpfenden Gedanken.

„Was ist los?“, entgegne ich zu schroff und schnell auf den Punkt kommend.

 …

 

Die Geschichte geht natürlich weiter, aber mein Punkt für diesen Eintrag ist erreicht.

Auch wenn es mit viel Ärger hervorgebracht wurde, wir Menschen wollen ungern sehen, wer wir sind. Wir wissen nicht, wo wir herkommen, wir wissen nicht, wo wir hingehen, aber während wir hier sind, lassen wir uns ständig vorschreiben, was wir zu tun haben, was wir zu denken haben und wie wir die Welt wahrnehmen sollten.

Ja, auch von mir, das macht es doch so eng. Ich bin einer dieser Wissenschaftler und Sie, Sie sind der andere.