Meet the dragon

Es war Ende 2019 kurz vor Weihnachten, als ich, wie üblich, einen etwa zwanzigminütigen Spaziergang zum Galgenberg auf mich nahm, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Es war kalt und es wurde allmählich dunkel. Die vielen modernen Gebäude, die so passend die Unwürde unserer Zeit widerspiegeln, halten diesen alten Hügel erneut in allen Ehren. Im Mittelalter wurden hier gerne mal Hexen verbrannt, aus Angst vor ihrem weiten, weiblichen Bewusstsein, das von dem sichtlich überforderten, männlichen Trieb wenigstens noch irgendwie erdrückt werden musste. Es blieb seit jeher bei dem verzweifelten Versuch, aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zu meiner und der Hexe, die ich treffen sollte, wenn man sie so nennen mag.

Ich ging also in das große Geschäft, das voller Auswahl ist und doch so leer mundet, und schaltete, wie meistens, auf Autopilot. Ich mag diese Läden nicht, aber sie dienen stets meiner widerspenstigen Gemütlichkeit. Mein Korb war ziemlich schnell voll und ich machte mich zügig auf dem Weg zur Kasse. Am Fließband angekommen, nehme ich, wie alle Arbeiter daran, einfach nichts mehr wahr und warte nur auf den starren Ablauf der üblichen Automatismen.
Vor mir befand sich eine junge Dame, soweit ich mich erinnern kann, kann aber auch jemand anderes gewesen sein. Wie gesagt, ich war nicht wirklich da.
Plötzlich drängelte sich, von der falschen Seite der Schlange, eine alte Hexe mit einem Rollator selbstbewusst vor. Ich hatte sie nicht wirklich bemerkt. Das erste, was mich erreichte, war ein kalt durchdringendes Gefühl von Scham, das der junge Kassierer ausströmte. Die unheimliche Verlegenheit ließ sein Gesicht erröten und er fragte die „junge“ Dame vor mir, ob dies in Ordnung gehe. Sie nickte unaufrichtig.
Aber es war sowieso zu spät. Die alte Hexe hatte schon längst ihren sparsamen Einkauf, aus einem kleinen Bastkorb dem Kassierer vor die Nase gekippt. Es waren ein Netz Mandarinen, etwas Schokolade und noch etwas, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Der Kassierer lies alles zügig über seinen Laser laufen und verkündete durchaus stolz:
„Das macht 7 Euro und 35 Cents, bitte.“ Die alte Hexe begann nun gemütlich die Münzen aus ihrem sehr mitgenommen Geldbeutel zu zählen und legte sie reihenweise vor den jungen Kassierer.
Ungeduld erreichte mich als nächstes und ich musste mich umdrehen, denn diese kam hauptsächlich aus der neu entstanden Menschenreihe hinter mir.
„Das sind 5 Euro 44 Cent – haben Sie vielleicht noch etwas mehr Geld anderswo? Oder möchten Sie vielleicht etwas zurückbringen?“ fragte ein nun heillos überforderter Kassierer. Die alte Hexe antwortete nicht. Sie starrte freundlich auf ihren sparsamen Einkauf, als würde sie überlegen was zurückgehen konnte, aber sie schien ruhig und geduldig zu warten. Es können nur wenige Sekunden gewesen sein, aber das deutliche Unbehagen aller Anwesenden füllte eine Ewigkeit.

Ich wurde das erste Mal in diesem Laden richtig wach. Das erste Mal überhaupt in so einem Laden! Ich war da! Ich erschrak innerlich, langte zügig in meine Geldbörse, die komischerweise bereits in meiner Hand lag und streckte 10 Euro, an der jungen Dame vorbei, zum nervösen Kassierer. Die Stimmung kippte umgehend. Vielleicht lag es an der Weihnachtszeit, vielleicht an der menschlichen Geste, vielleicht war es beides, aber die stark aufgezogene Spannung löste sich, mit einem schlichten Pendelstoß wieder auf.
Der Kassierer fragte nun schwungvoll erleichtert: „Ist das der Restbetrag oder für den ganzen Einkauf?“.
Ich antwortete, von der Option etwas überrascht: „Für den ganzen natürlich.“
Er gab die Münzen der alten Hexe zurück, beglich die Rechnung mit dem Schein und streckte mir das Restgeld entgegen. Die alte Hexe packte ihren sparsamen Einkauf ein und rollte langsam Richtung Ausgang. Während die Stimmung bei uns allen immer ausgelassener wurde, hatte sie kein einziges Wort gesprochen. Nicht einmal ein Dankeschön.
Nachdem ich meinen Einkauf bezahlte und ich von dem jungen Kassierer mit einem kleinen, süßen Dankeschön ausgiebig gewürdigt wurde, machte ich mich auf dem Weg zum Ausgang. Da stand sie noch, die alte Hexe, gelehnt auf ihre Gehhilfe und wartend. In ihrer Nähe angekommen schaute sie mir genau in die Augen und sagte: „Vergelt’s Gott.“ Aber was sie mir  tatsächlich sagte, war: „What took you so long!“ Ich nickte und verließ, etwas beleidigt den Laden. Der Satz ließ mich nicht mehr los. Wart doch kurz, ich bin hier der Gute, was fällt ihr ein, mich als langsam zu bezeichnen. Ich fing innerlich an zu kochen, doch das Laufen tat mir gut. Als ich langsam den schrecklich guten Menschen etwas zur Seite schob, sah ich einen Teil der Wahrheit. Ich wusste, sie war eine alte, weise Meisterin, die nur auf mich gewartet hatte, dass ich endlich aufwache, dass ich endlich verstehe. Sie wollte kein Geld, sie brauchte kein Geld, sie war für mich da. Mein stolzer Stand war schnell hinweggespült, auch wenn der weiße Ritter aufmüpfig protestierte. Ich wusste es, ich hatte zu lange gebraucht, zu viele Leben, viel zu viele Leben.
Die nächsten drei Tage schleppte ich diesen Satz mit mir herum und ging tiefer und tiefer in meine Traurigkeit. Ich wusste, ich war bereits ein Meister, aber ich konnte fühlen, wie bedrückt ich war, dass es so lange gedauert hatte. Es waren so viele Leben zwischen gut und böse, gut und böse, gut und böse.

In der dritten Nacht gegen drei Uhr kam er schließlich, der Teufel, und riss regelrecht mein Herz auseinander. Die Schmerzen brachen meine Kraft, ich konnte nicht mehr. Ich schrie und schwitzte wie ein Irrer. Ich konnte mir gleichzeitig dabei zusehen. Es war ein wundersam grausames Spektakel. Ich nahm alles bewusst wahr, aber ich konnte den Teufel nicht kontrollieren. Ich wollte ihn nicht haben, ich kämpfte gegen ihn an, mit allem was ich hatte. Ich kroch bis ins Bad, denn meine Oberschenkel gehörten mir nicht mehr und setzte mich in die Dusche. Ich konnte nicht mehr. Meine Muskeln waren so angespannt, dass mir alles wehtat. Vor allem die Bauchschmerzen waren unerträglich. Ich ließ heißes Wasser auf meinen Körper laufen und hoffte auf Linderung, aber nichts geschah. Es wurde immer schlimmer. Ich verlor die Kontrolle über meinen Körper und begann gewaltsam meinen Kopf gegen die Kacheln zu hämmern, in der Hoffnung, dass dieser Schmerz den anderen lindern würde. Es funktionierte nicht. Ich wollte aufstehen, meine Hände bewegen, ich wollte es irgendwie erzwingen. Drei Stunden dauerte der Kampf und ich gab erst auf, als ich Angst hatte, dass der Teufel, der jetzt hauptsächlich in meinen Händen war, meine Handgelenke brechen würde.
Ich hatte versucht ihn über die Hände loszuwerden und diese waren, durch den großen Kampf, so verkrampft und nach innen gebogen, dass ich wusste, es fehlt nicht mehr viel bis sie brechen. Ich ließ los und der Schmerz floss unerbittlich zurück in meinem Bauch, zurück zu meinem Herzen und ich wünschte, ich würde sterben. Zurück, dort wo er angefangen hatte, hielt er jedoch nur noch kurz fest und wurde langsam erträglich.
Nach einer weiteren halben Stunde, die ich in Angst und Zweifel verbrachte, hatte ich wieder Kontrolle über meine Hände und konnte aufstehen. Ich war völlig erschöpft. Ich nahm zwei Ibuprofen aus Vorbeugung und legte mich hin. Ich schlief zwei Stunden und musste aufgrund von wiederkehrenden Schmerzen erneut aufstehen. Es war nicht mehr so schlimm, aber auch nicht gut. Ich verbrachte den Tag eingepackt in meiner Decke, vor dem Bildschirm. Ich aß gut, hatte etwas Angst vor Kaffee, also trank ich nur Wasser und schaute den ganzen Tag belanglose Serien oder Sport. Alte Rugbyspiele, soweit ich mich erinnern kann.
Am Abend machte ich mir Ravioli mit gutem Olivenöl, die ich, nun viel mutiger, mit einem Glas erstklassigen Riesling genoss.
Anschließend entschloss ich mich, den Shoud: „Darkness is your divinity“ von Tobias (meinem Lehrer) anzuhören.
Etwa nach einer Viertelstunde begann ich zu verstehen. Langsam sickerte die ganze Wahrheit ein. Es war nicht der Teufel, der zu mir kam, es war der verfluchte Drache. Tränen begannen zu fließen und ich wollte, aber ich konnte sie nicht aufhalten. Sie waren so sinnlos, ich wusste doch was gerade geschieht, aber aufhalten konnte ich sie nicht. Die Dunkelheit kam nach Hause, als das, was sie ist. So, wie sie nur kann. Aber es ist die Dunkelheit und kein Licht dieser Erde wird sie jemals leicht machen. Sie ist –  schmerzhaft, rau, kalt und voller Weisheit.

Die nächsten 8 Monate traf ich „The Dragon“ noch dreimal. Nur beim zweiten mal waren die Schmerzen ähnlich hart wie in jener Nacht. Doch ich war passenderweise bereits unter der Dusche und ließ viel schneller los. Der Kampf war nach einer halben Stunde vorbei. Ich aß anschließend genauso gut und der gleiche Tobias brachte die gleichen Tränen.

Beim letzten Mal, am 8. August, übernahm ich die gesamte Kontrolle. Ich lag in der Sonne auf einer einsamen Wiese und spürte den Drachen kommen. Ich suchte schnell einen festen Stand und war bereit die Energie aufzunehmen. Sie schlang sich zunächst wie eine Peitsche, um meine Oberschenkel (Deshalb wohl der Drache, eher ein chinesischer in meinem Gefühl.). Bis zu diesem Augenblick bin ich jedes Mal in die Knie gegangen, doch diesmal nicht. Der Drache schnürte mich fest zu, doch ich wusste was zu tun war. Ich ließ ihn mutig weiterfließen, in meine Arme und Hände, die ich vor meinem Herzen vereint hielt. Er versuchte sich die Hände zu schnappen. Meine Finger zur Faust zu ballen und meine Handgelenke zu verbiegen. Auch dies war ihm bis jetzt immer gelungen, doch diesmal nicht. Die Kraft war stark, doch ich war jetzt ihr Meister. Ich ließ ihn wie ein Wirbelsturm durch meinen ganzen Körper fließen und je mehr ich ihn führte, umso mehr glich es einem anmutig wohltuenden Tanz. Schließlich kam er zu Ruhe in meinem Herzen und ich setzte mich hin, denn ich wusste, es ist vorbei. Die Schlachten sind geschlagen, das Ende ist erreicht.
Ich  hatte in meinen viel zu vielen Leben gequält, gefoltert, vergewaltigt und gemordet. Ich habe ausgesaugt und leergesaugt. Ich war grausam und schrecklich, unmenschlich, unwirklich sogar und ja das alles bin ich auch noch heute. So sehr ich mich auch gewehrt habe, alles was so grausam auf dieser Erde ist, bin auch ich. Ich bin dieser gierige Missbraucher, der nicht aufgibt bevor er nicht den gebrochenen Willen des Opfers sieht. Dieser Kick ist so süßlich leicht verführerisch, so angenehm, so wohltuend und zerbricht mich doch in tausend Stücke.
Der wache Mensch in mir kann es jedoch nicht verstehen, wie konnte ich nur. Wie konnte ich nur. Er wird es nie verstehen. Er sieht die Gier in meinen Augen und ekelt sich vor sich selbst. Ich ekele mich von mir. Ich, ich bin ja dieser Mensch, ich kann es nicht verstehen!
In diesem Augenblick der Ehrlichkeit, der schlichten Einsicht, erreicht mich aus einem tiefen, schwarzen Nichts diese unaufhaltsam strömende Vergebung. Die einfache Vergebung all dieser Taten. Ich muss mich nicht entschuldigen, es ist nicht notwendig, es ist nie wirklich etwas Schlimmes geschehen und trotzdem wird mir vergeben. Die Vergebung ist nicht notwendig, doch sie ist da. Sie ist nur da um zu geben. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich kann es niemandem genau beschreiben und ich weiß auch nicht, wie die Seele das macht, aber wenn einen das Gefühl der Vergebung erreicht, versteht man die Tränen, versteht man die Erde und ja, vor allem eins, man versteht diesen verdammten Menschen. Der sich unglaublich mutig in jeden verdammten Scheiß stürzt, der diesen unglaublichen Schmerz auf sich nimmt, der Ekel um Ekel vergräbt, damit die Seele erfährt, damit die Seele versteht. Der Mensch wird es nie verstehen und er muss es nicht verstehen, aber ihm gehört der Dank, ihm gehört der Dank, ihm gehört der Dank. Kein anderes verfluchtes Wesen würde so etwas auch nur annähernd durchhalten. Also danke mir! Mehr gibt es nicht zu sagen.