Juni - Dezember

2020

Die Guten sind die wahren Helden –
die Glorreichen der falschen Zeit.
Doch alles, was sie je erschufen,
war dicht an dicht: Bedürftigkeit.

Der Augenblick

Aufgeschnürt am Scheunentor
vereint aus großer Weite
stirbt des Sommers Ährenchor –
geneigt zur sichern Seite.

Nach wie vor ein schweres Jahr,
verlangt das Überstehen.
das nächste grüßt von fern  doch nah
die Zeit das Korn zu sähen.

Die Ruhe, das ersehnte Ziel,
gezwängt in Erdenbahnen –
es treibt die Angst – uraltes Spiel,
das Spiel der Untertanen.

Getane Arbeit tausendmal,
die tausend-eins kommt morgen.
Der Augenblick verfliegt – egal,
denn übrig bleiben Sorgen.

Juni 2020

 

Die Kornernte, P. Bruegel der Ältere 1565

Größenwahn

Gefallen – ein unbedachter Schlag
zerstört die Weisheit dichter Ringe –
was Wahrnehmung lang nicht vermag,
entgleitet leicht dem – Ich erzwinge.

Notwendigkeit erzeugt die Not,
die keiner wagt zu tragen.
Man nehme stets das Höchstgebot –
genug heißt: nichts zu haben.

Wenn alles nur so einfach wär,
wie Bäume weiterfällen –
ging‘s immer weiter – mehr, noch mehr –
auf mächtig großen Wellen.

Doch nein – der Absturz, unsichtbar,
ergriff sich große Höhe.
Der Schuldige alsbald war klar,
die unverschämte Böe.

Die Landschaft tot – Beton statt Holz,
die Not ist angetan.
’ne Schleife schmückt den Menschenstolz –
verdammter Größenwahn.

Juni 2020

Der Märchenerzähler

Violett – im Herz des Bogens letzter Halt,
danach ist Schluss. – Oder vielleicht
geht es noch weiter, mit der Vielfalt
der Unendlichkeit. Oder man schweigt.

So – oder so ähnlich – verhält man sich
in faszinierenden Geschichten enger
Begehren, Lügen – spielt das Ich,
die Pfeife – und den Rattenfänger.

Und grimmig bringen sieben Berge
Wirklichkeit in dunkle Zeiten.
Schnee von gestern – pfeifen Zwerge,
die frohlockend weiter schreiten.

Das Gute wie das Schlechte suchten
Heil – als Teil der Plage –
und wurden schließlich zu Verfluchten
bis ans Ende ihrer Tage.

Das ist alles. Nie gab’s mehr.
Das Betäubende war nett.
Fluffig-leicht war immer schwer.
Und der Mensch? – Samt violett.

Juni 2020

Forgiveness

Forgiving – such a simple task,
for giving only knows to give.
The gift is graceful – I exist –
yet still – a little much to ask.

The stubborn human can‘t embrace
the weary cravings of the heart –
and pain will tear the light apart –
for shadows – I can never face.

Then suddenly a tiny spark
enlights the Dragons fiery breath
with clarity of fear, of death,
of wisdom sheltered by the dark.

And now I know the senseless goal
as tears won’t stop – yet won’t exist.
I will resist the graceful gift –
yet still – get all – for giving soul.

September 2020

 

Adam & Isis

Altmännerhaus in Amsterdam ’80
Flachsscheuern in Laren, M. Liebermann 1887

Die eine Hälfte reißt am Kreis:
“Verform‘ dich!”, doch es geht nicht mehr.
Die andere schimpft: “Was soll der Scheiß!“
und kreisend ruht das Hin und Her.

Zerstritten, beide bitter, bleich,
verkrochen im gepochten Recht –
die Einsicht schnappt sich der Vergleich,
die Schuld beglaubigt das Geschlecht.

Und einsam sitzt der halbe Greis
inmitten einer tristen Welt –
die Trauer tief, der Trost, er weiß,
wie Eitelkeit zusammenfällt.

Doch viele Leben werden’s sein,
die er verneint im Angesicht
der eigenen Klarheit wählt er Pein,
denn verzeihen, wird sie nicht.

Dann irgendwann wird dieses Recht,
das er verlangte, lediglich,
zusammenbrechen: „Scheiße! Echt?
Die andere Hälfte bin auch Ich?“

Die Jahresringe, unsichtbar,
verteilen sich im gleichen Rund –
in sich geschlossen, fertig, klar,
ein Kreis ist ganz – ganz ohne Grund.

September 2020

2020

Welch krude Diktatur
würd‘ sich schon selbst verraten,
als krankhafte Tortur
in souveränen Staaten?

Welch angsterfüllter Blick
wagt sich zur milden Umsicht,
wenn Wahnsinn brüllt: „Zurück!
Die Maske ist hier Grundpflicht!“?

Welch unmündiger Mensch
kann sich betäubt erwehren?
Wer sagt schon: „Nein, Ich kämpf!
Ich lass mich nicht belehren!“

Die Traurigkeit legt Trost
aufs blanke Unverständnis
wie rauer Dauerfrost
auf ungezähmte Wildnis.

An Tränen der Verzeihung
erkennt die Freiheit jeden,
an Aneinanderreihung
der unzähligen Leben.

Und Zeit verzeiht der Schuld,
denn keiner kann sie halten,
außer die Geduld,
und die – wird neu gestalten.

Oktober 2020

Die Gier

Dostojewski 1872, W. Perow
 

Die Menschlichkeit begann in einem stillen Stand,
der aller Seelenwelt, die Leichtigkeit empfand,
die Sorge überzog, die Sorge nicht zu sein –
und Nichts, stets unbegehrt, begehrte Gier hinein.

Die schaffte schnell ein Ziel – das Ziel vom nächsten Ziel –
und ziellos, hin und her, verlief das Erdenspiel.
Entstehen konnte viel, zu viel für die Vernunft –
verzweifelt fiel die Wahl auf traute Unterkunft.

Geboren ward der Kopf zur wahren Wirklichkeit,
im Joch der Wissenschaft, im Endlosen der Zeit.
Die Enge knüpfte mild Betäubung in den Blick
und Grausamkeit verschlang den atemlosen Kick.

Getrieben fuhr es fort in tödlicher Gefahr,
dass jener traute Ort, der nie ein solcher war,
in Einsamkeit vergeht – zerstört vom letzten Wahn,
der inständig gelobt: „Ich hab‘ es nicht getan!“

Und übrig blieben: „Die!“ – die bösen Anderen,
die Reichen, Mächtigen, die einfach Besseren.
Denn Ich, Ich armer Tor – Ich bin als Taugenichts
verschanzt im Schattenreich des unverschämten Lichts.

In Qual verhüllte Scham verhindert, ungefragt,
den sanftmütigen Trost der heilig stillen Nacht.
Und sieht zum Schluss der Mensch – mit Mut – sein Angesicht
erkennt er seine Welt, denn Seelen werten nicht.

So wird noch lang erzählt, wie es zur Einsicht kam,
als einer Namens Mensch, der alles auf sich nahm,
in irdisch enger Gier das Göttliche erschuf
und Anmuts sanfte Hand zerschlug den alten Fluch.

November 2020

Wer sagt was?

„Maulkorb!“, hallt es unverständlich
ins beleidigte Gesicht.
Triumphierend große Mehrheit
spricht von Wahrheit – eigentlich.
Und der Bettler, augenscheinlich,
murmelt leise – was von Leid –
„Selber schuld, du alter Penner!“,
urteilt die Gerechtigkeit.
Not verordnet, edelmütig,
stumme Fügsamkeit zur Pflicht.
Nur die Klarheit äußert gütig:
„Lebendigkeit – begräbt man nicht.“

November 2020

 

Das Vorwort

Vorwort
sagt am falschen Ort
das Richtige.
Doch den Leser zieht es fort,
denn für alles Wichtige
hat das Buch bereits gesorgt.
Eine kurze Weile hier
scheint vergeudet für ein Dort,
das durch blätterndes Papier
zu erreichen ist – sofort.

Dezember 2020